Sonnenuntergang und Adams Hand auf dem Rauschberg ©my Chiemgau

Spätsommergedanken

von Carola
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Meine fünfte Jahreszeit und ein großes Stück Freiheit

Der Spätsommer ist für mich eine Welt zwischen den Zeiten. Es ist mein persönliches Niemandsland der Bereitschaft, geschaffen aus „noch nicht“ und „noch“, einer kleinen Rebellion gegen das Loslassen. Ich bin noch nicht bereit, mich der Wehmut des Abschieds vom Sommer hinzugeben.

 

Ich bin noch nicht bereit, mit den langen Tagen, den lauen Nächten, den warmen Seen und den tanzenden Sonnenstrahlen abzuschliessen. Ich bin noch nicht bereit, mich mit rot und gelb gefärbtem Laub, frostigen Abenden und orangenen Kürbissen anzufreunden. Es ist zu früh. Es ist Sommer. Noch. Auch wenn der Kalender etwas anderes behauptet.

 

Der Spätsommer dauert oft nur einen gefühlten Wimpernschlag

 

Die besondere Süße des Spätsommers liegt in der Gewissheit seines baldigen Endes, denn der Wechsel der Jahreszeiten kann sich von einem Tag auf den anderen einstellen. Ich erinnere mich an den lauen Spätsommerabend auf einer Alm vor einigen Jahren. Wir saßen bis zehn Uhr abends draussen in T-Shirt und kurzer Hose, genossen den Sternenhimmel und das kühle Bier. Am nächsten Tag stand ich auf dem Wendelstein im Schneegestöber.

 

Der Spätsommer dauert oft nur einen gefühlten Wimpernschlag und gerade deshalb beschert er uns umso intensivere Erlebnisse. Er ist für mich die fünfte Jahreszeit, die das beste aus Sommer und Herbst vereint.

 

Spätsommer im Chiemgau heisst…

 

…die aufsteigenden Morgennebel im Wald begrüssen und in das gebrochene Licht der emporsteigenden Sonne eintauchen.

Die Sonnenstrahlen sind einzeln sichtbar und am liebsten möchte ich hineingreifen. Sich ständig verändernde Lichteinfälle und Nebelformationen verwandeln die Landschaft in einen Zauberwald. Es ist eine ganz eigene, mystische Welt, die nur wenige Augenblicke dauert.

Sonnenaufgang mit Nebelstimmung in der Kendlmühlfilze ©my Chiemgau

 

…auf dem Berggipfel den Sonnenuntergang feiern.

Es wird früher dunkel, doch es bleibt genügend Zeit für eine Feierabendtour. Der tiefere Sonnenstand zaubert schemenhafte, weiche Bergschatten und die Gräser sind in flammend rotes Licht getaucht. In diesem Augenblick gibt es für mich nichts Schöneres auf der Welt. Mit einem Gipfelbier und dem grandiosen Blick auf die umliegenden Berge und Täler lasse ich den Tag ausklingen.

Schattenberge im Inntal ©my Chiemgau

 

…welkende Seerosenblätter auf tiefblauem Wasser.

Mit den Seerosenblättern ist es wie mit dem Laub der Bäume. Irgendwann verabschieden sie sich. Ihre Blüten sind nicht mehr und die ersten Anzeichen des Welkwerdens sind erkennbar. Jetzt ist noch das letzte Grün der großen, auf der Wasseroberfläche treibenden Blätter zu bewundern, das einen fast unwirklichen Kontrast zum dunklen Blau des Sees bildet.

Welkende Seerosenblätter ©my Chiemgau

 

…abendliche Nebelgebirge.

Genauso lautlos und plötzlich, wie er sich am Morgen in der Wärme der Sonne auflöst, kommt er am Abend aus dem kühlen Nirgendwo und bricht kaskadenartig über Berge und Täler herein. Alles ist bedeckt von diesem wogenden, schweigenden Nebelmeer. Es kostet mich ein wenig Überwindung, beim Abstieg in diese grauen Fluten einzutauchen, die alle Lichter und Laute verschlucken. Aber schnell gewöhne ich mich an diese ganz eigene Stille und auch meine Sinne stellen sich auf diese faszinierende Atmosphäre ein.

Nebelgebirge ©my Chiemgau

 

…dem Seegeflüster lauschen.

Der Chiemgau hat neben dem Chiemsee noch viele weitere wunderschöne Gewässer. Im Spätsommer sind sie unaufdringlicher, das Getümmel wird leiser und die Magie des Sees ist nun in kleinen Details spürbar. Die Wasser leuchten mal türkis, mal dunkelblau, mal grün. Die Sonne bescheint das sich färbende Schilf und die warmen Farben strahlen Behaglichkeit aus. Es ist alles ein wenig zurückgenommen und ich lasse mich von der angenehmen Gemütlichkeit, die sich über Ufer und See gelegt hat, einfangen.

Steg im Sonnenuntergang am Bärnsee ©my Chiemgau

 

…die letzten Tage des Almsommers.

Der Almabtrieb naht. Aber noch ist es da, das Jungvieh auf den Almwiesen. Die meisten haben große Glocken um ihren Hals hängen. Das Geläute ist schon von weitem zu hören, im Rhythmus der Auf- und Abwärtsbewegung des Kopfes beim Grasen. Eine Alm ohne Kühe und Glockengebimmel ist wie Winter ohne Schnee. Es fehlt einfach etwas. Vorbeigehende Wanderer, und somit auch ich, werden aufmerksam beäugt. Ich setze mich ins Gras und schaue eine Weile den friedlich grasenden Kühen zu, solange sie noch da sind.

Jungkuh auf der Sommeralm ©my Chiemgau

 

…die wärmende Sonne auf dem Wasser geniessen.

Das heisst Stand Up Paddling in angemessener Sommerkleidung und nicht in Nordpol-Expeditions-Ausrüstung. Besonders herrlich ist es, in den Sonnenuntergang zu paddeln. Mitten im See auf dem Board sitzen und die Sonne dabei beobachten, wie sie als glutroter Feuerball am Horizont versinkt.

SUP am Chiemsee in der Feldwies im Sonnenuntergang ©my Chiemgau

 

Spätsommer ist ein großes Stück Freiheit.

Ein Sich-Lossagen von der Knechtschaft des Kalenders. Eine Auflehnung gegen die Legion der September-Nikoläuse in den Supermärkten, indem man diese bis Dezember nur mit Blicken abgrundtiefer Verachtung bedenkt. Ein naserümpfendes Vorbeifahren an den Kürbisorgien am Straßenrand. Stattdessen die übrig gebliebenen Blumen auf den Feldern schneiden. Sonnenblumen zum Beispiel. Wie passend.

Mein Spätsommer gehört mir und nur das Wetter und ich bestimmen, wie lange er dauert.

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