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Auf dem Dach der Chiemgauer Alpen

von Carola
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Das Sonntagshorn ist der höchste Gipfel der Chiemgauer Alpen. Besonders die Nordroute von Ruhpolding aus hat es in sich und fordert den ambitionierten Berggeher. Die abwechslungsreiche Tour durch wildes Gelände hat viel Faszinierendes zu bieten: Üppig blühende Bergwiesen, rauschende Bäche und Wasserfälle und steil aufragende Felswände.

 

Toureninfo

Beste Zeit: Juni bis Oktober
Gipfel: Sonntagshorn 1.961m – über das Mittlere und Hintere Kraxenbachtal (Nordseite)
Start/Ende: Parkplatz Holzknechtmuseum, Ruhpolding (Laubau)
Route: Über das Mittlere Kraxenbachtal zum Gipfel, Abstieg über das Hintere Kraxenbachtal, also gegen den Uhrzeigersinn von West nach Ost. Das ist meiner Meinung nach die schönere und für den Aufstieg geeignetere Variante
Schwierigkeit: Alpine Tour, die absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordert. Im oberen Drittel des Aufstiegs befindet sich eine ungesicherte Kletterstelle von ca. 60m Länge im II. Schwierigkeitsgrad, deshalb auf trockenes Wetter achten
Dauer: ca. 4 Stunden
Empfehlung: Die Strecke vom Holzknechtmuseum zur Schwarzachenalm ist idealerweise mit dem Radl zurückzulegen, dann spart man sich eine knappe Stunde Gehzeit auf der eintönigen Forststraße
Einkehrmöglichkeit: Schwarzachenalm
Wanderkarte: Alpenvereinskarte Bayerische Alpen BY19 Chiemgauer Alpen Ost

 

Es lohnt sich, der frühe Vogel zu sein

Morgens um fünf Uhr im Land der Träume. Der Wecker klingelt. Am liebsten würde ich liegen bleiben, aber die Aussicht auf DIE schönste Bergtour im Chiemgau lässt mich dann doch allmählich wach werden. Beschwingt geht jedenfalls anders. Ich liebe den Sommer. Aber was ich an ihm gar nicht mag, ist die Tatsache, dass man für längere Touren immer in aller Herrgottsfrüh losgehen muss, wenn man nicht von der Mittagshitze versengt werden möchte. Sieben Uhr aufstehen ist ok. Um sechs geht gerade noch. Aber um fünf? Ich bin weder der frühe Vogel, noch die Nachteule. Irgendwie so ein Zwischending. Ein Tagsüber-Vogel. Vielleicht ’ne Lerche? Oder die Meise? Ja, die ist lustig und macht einen eher gemütlichen Eindruck. Schliesslich entscheide ich mich doch dazu, heute mal der frühe Vogel zu sein und erhebe mich ganz unmeisenhaft aus meinem Bett. Schnell noch einen Kaffee zum munter werden, eine leckere Brotzeit zurechtgemacht und viel Wasser, heisst mindestens zwei Liter, eingepackt. Und los geht’s mit Auto und Mountainbike in die Laubau zum Parkplatz beim Holzknechtmuseuem in Ruhpolding.

 

Mit dem Radl zur Schwarzachenalm

Dort angekommen, muss ich mir erst einmal meine Jacke überziehen. Selbst im Hochsommer kann es in der Früh ziemlich kühl sein. In der Morgenfrische radel ich dann noch etwas müde die Forststraße entlang. Ein E-Bike wäre jetzt toll, was ich aber nicht habe. Vollfunktion ganz ohne E. Auch aktuell ohne E-lan. Deshalb bin ich froh, dass es erst einmal ziemlich flach dahingeht. Zum Glück werde ich durch den Fahrtwind etwas lebendiger. Bei der ersten kleinen Pipifax-Steigung widerstehe ich dem Impuls, sofort abzusteigen und zu schieben. Das lässt meine Mountainbiker-Ehre nun doch nicht zu.  Wer auf die Kampenwand durchs Goriloch radelt, kann hier nicht absteigen. Geht gar nicht. Meine Muskeln bekommen nun doch Gefallen an der Anstrengung und ich fange an, die morgendliche Fahrt zu genießen. Mir begegnen lediglich ein paar neugierige Hunde und ihre Besitzer auf ihrer Gassigehrunde.

 

Der Morgentau auf den Gräsern funkelt im Licht der aufgehenden Sonne

Nach gefühlt kurzer Zeit ist schon die Schwarzachenalm erreicht. Beim Losradeln dachte ich mir, dass dies ewig dauern würde. Gerade dann geht es immer besonders schnell. Schön, dass ich mich immer noch selbst überlisten kann. Ich stelle mein Radl an der Umzäunung des Wegkreuzes ab und gehe zu Fuß weiter, der Ausschilderung Richtung Sonntagshorn folgend. Der Anblick des im Licht der aufgehenden Sonne funkelnden Morgentaus auf den Gräsern entschädigt mich für mein unglamouröses Meisendasein. Es lohnt sich wirklich, so früh zu starten.

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Nach ca. einer halben Stunde erreiche ich die beschilderte Abzweigung und nehme den rechten Weg zum Mittleren Kraxenbachtal. Die Gehzeit bis zum Gipfel ist mit 4,5 Stunden angegeben, was mir aber recht viel erscheint. Im noch schattigen Tal folge ich dem kleinen, aber gut sichtbaren Pfad, der stetig ziemlich knackig bergauf führt. Weiter oben kann ich schon die ersten Blicke auf den felsigen Gipfelbereich erhaschen.

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Das Rauschen des Baches begleitet mich eine Weile, bis es weiter oben verstummt. Die Sonne beginnt zu steigen und schickt über den Felsgrat ihre ersten Strahlen ins Tal.

 

Sonne, Lärchen und viele Blumen

Durch hellgrüne Lärchenzweige blinzel ich ihr entgegen und freue mich über das Licht und die Wärme. Und über die üppig blühende Blütenpracht, die auf dieser Tour wirklich aussergewöhnlich ist.

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Im oberen Drittel verlasse ich Wald und Wiese. Der Weg führt sanft ansteigend in ein felsiges Kar und auch hier ist noch vielerorts eine herrliche Vegetation wie die Bittere Schafgarbe oder die Kleine Glockenblume zu sehen. Beim Blick nach oben kann ich schon erahnen, dass es mit dem sanften Anstieg bald vorüber sein wird.

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Am Ende des nicht so steilen Stückes begleiten mich noch Vergissmeinnicht. Der felsige Untergrund bringt die kleinen blauen Blüten so richtig zum Leuchten. Dann geht es zum letzten und schwierigsten Teil der Tour.

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Der Weg bis zur Kletterstelle führt über ein wirklich sehr steiles Geröllfeld, das ziemlich rutschig sein kann. Dieses kleine Stück ist echt anstrengend. Mir kommt vor, dass ich einen Schritt vor gehe und zwei zurück rutsche. Hier empfehlen sich Wanderstöcke als Steighilfe.

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Beim Einstieg zur Kletterstelle werden die Stöcke weggepackt, weil ich beide Hände benötige. Der Fels ist schön trocken, es gibt überall gute Griffe und Tritte und ich komme gut voran. Hier gibt es allerdings kein Drahtseil und keine weitere Sicherung und ich gehe nahezu senkrecht hinauf. Hier ist man nur auf sich gestellt. Nach dem letzten Griff und Tritt komme ich oben an und es eröffnet sich mir eine ganze andere Landschaft, als ob die Felskante zwei Welten trennen würde. So schroff und steil die Felsen der Nordseite sind, so lieblich ist die Wiesenlandschaft der Südseite. Mein Blick geht kurz zurück auf das bereits zurückgelegte Stück Weg. Glücklicherweise gehöre ich zu denjenigen Menschen, die Ausgesetztheit und den Blick in die Tiefe genießen können.

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Hier oben sehe ich vereinzelt noch ein paar letzte Almrausch-Blüten. Und jede Menge kleiner Heidelbeersträucher. Durch die langanhaltende Hitze dieses Jahr sind bereits Ende Juli viele reif geworden. Ich sag nur Blau. Lippen, Zunge, Zähne.

 

Grandioser Gipfelblick

Das letzte Stück Weg zum Gipfel führt ostwärts durch kleine Latschen und niedere Sträucher an der Kante entlang mit einigen kleinen felsigen Passagen und grandiosen Ausblicken. Es wölkt jetzt etwas ein, wodurch die Fernsicht getrübt wird, aber spannende Licht-Schatten-Impressionen entstehen. Nach Westen hin eröffnet sich mir eine besonders spektakuläre Aussicht auf die Reifelberge.

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Gleich danach ist der grasige Gipfel erreicht. Hier ist man selten allein, da der Weg aus dem Heutal sehr beliebt ist. Nach einer gemütlichen Gipfelrast mit Brotzeit trete ich den Rückweg an.

 

Wollige Wegelagerer

Mitten auf dem Weg zum Hinteren Kraxenbachtal haben es sich ein paar Schafe gemütlich gemacht und scheinen ihre Mittagsruhe zu halten. Sie lassen sich durch mein Näherkommen nicht stören und denken offensichtlich nicht daran, das Feld zu räumen. Was tun? Einfach darüber hinwegsteigen?

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Im Geiste sehe ich mich schon einen wilden Ritt auf einem der wolligen Gesellen hinlegen. In Anbetracht des abschüssigen Geländes eine ziemlich schlechte Option. Zum Glück entschliesst sich die kleine Herde doch noch zum Rückzug und entschwindet laut blökend in südliche Richtung. Ich muss aufpassen, auf den zahlreichen Hinterlassenschaften der meckernden Wegelagerer nicht auszurutschen. Mit Blick nach Norden lässt sich in der Tiefe schon der Abstiegsweg erkennen.

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Ab jetzt führt der Pfad steil nach unten, anfangs noch über felsiges Gelände bis zu einer Sandreise mit einer extrem fiesen Steigung.

 

Sandreisen nach unten

Geübte können hier gut „Sandreisen“, das heißt auf dem Geröll nach unten gleiten. Es ist in jedem Fall Vorsicht geboten, denn ein Sturz kann böse enden. Also lieber langsam machen und den Abstieg ruhig und behutsam angehen.

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Weiter unten fängt es an, wieder grün zu werden, und der Weg verliert an Steigung. Der Blick nach oben zeigt mir das beachtliche Stück, das ich zurückgelegt habe. Der Blick auf meine Bergschuhe zeigt mir, dass ich knöchelhoch im Schotter gesteckt habe. Und jetzt raus mit den vielen kleinen Steinen aus meinen Schuhen!

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Springende Bäche und grandiose Wasserfälle

Weiter unten gelange ich auf schmalen Steigen in einen urwüchsigen Wald. Der Weg kreuzt immer wieder den Hinteren Kraxenbach – es ist eine faszinierende Kulisse. Noch springt der Bach bescheiden glucksend über moosbewachsene Steine.

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Als ich weiter nach unten komme, höre ich schon das tiefe Rauschen, bis ich dann direkt vor dem Wasserfall stehe.

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Noch ein Stück weiter unten fliesst der Bach über felsige Kaskaden in die Tiefe und ist somit ein fulminanter visueller Ausklang dieser Tour.

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Relativ am Ende des Weges kommt man zur Kraxenbach-Klause, einer historischen Talsperre. Die Holzknechte benutzten sie, um das Holz zu triften, d.h. mit Hilfe des Bachlaufs ins Tal zu bringen. Der Weg mündet schliesslich wieder in den Aufstiegsweg und führt zurück zur Schwarzachenalm. Hier gönne ich mir noch ein kühles Radler und eine Almbrotzeit.

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Sebastiaan 28. Juni 2019 - 00:09

During all those visits to the Chiemgauer Alps I also was (and still am) attracted to the Sonntagshorn. It started with an old overview map of the Chiemgauer Alps and the marking of the high Schwierigkeit. First I went up from the Unken site („checking it out“) and as you state, it sometimes felt like being a oak processionary caterpillar: not a Stau but certainly heavy traffic. On top I wondered how you could find a ‚legal‘ path to the German side without falling and having to call in the cavalry (Hubschrauber). I stalled the thought and went down to Unken again, but the Schwarzachenalm approach kept tempting. So a year later I went for it. The Kletterstelle is nicht für mich, so I chose the hintere Kraxenbach route instead of the mittlere. No regret there: beautiful scenerey and I only encoutered three persons (and one little snake) during the hike. Going up in the Kar seemed like a eternal mission (I guess the slope angle is above 40 degrees), but in the end (certainly not ‚before-you-know-it‘) I hit solid rock again and birds were celebrating with me by circling over my head and shrieking at the same time. That hike felt (and perhaps also was) the best hike I had in all those years over there. But I must admit that the rewarding beer at the Schwarzachenalm afterwards in the setting sun (looking back at the mighty peak) also fed that feeling :-).

Anyways last year I decided to relive that feeling again (wanting to go up from Labau and go down the easy way to Heutal and from there back to Labau), but the gesichterte Stelle über die Wasserfall (just before the hintere Kraxenbach Alm Diensthütte) was way too wet and slippery: better safe then sorry so back I went and on to Zwing. Mixed feelings about that one but wisdom comes with age I guess.

Still the Sonntagshorn seems to be a magnet. On the open street map there is a path between the Vordere Kraxenbach Alm Diensthütte and the Hintere Alm Diensthütte. I wonder if that path really is there, so that u can skip the slippery Wasserfall-querung by first taking the Mittlere Kraxenbach route and when reaching the Vordere Diensthütte make the Ablenkung to the Hintere Diensthütte and then rejoining the hintere Kraxenbach route steig (and thereby avoiding the Kletterstelle – Grosses Sand). Sometimes I wish I could stay in the Chiemgau for months, just to try al those alternative routes!

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Caro 28. Juni 2019 - 22:23

The Sonntagshorn is definitely one of my favourite mountains. The route over the Kraxenbachtal valley is a dream. And I agree, that the beer tastes twice as good after the strenuous hike. It’s fun to read your enthusiasm in your comments – many thanks for that! I hope that you will often have the opportunity to explore the beautiful Chiemgau mountains and discover many new routes!

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Sebastiaan 11. August 2019 - 23:56

Today I climbed the Sonntagshorn by taking the ‚Rosskarsteig‘ (startingpoint Melleck/ Steinpass). This included the necessary climbing, ducking and (sometimes steep) off-track evading the many fallen trees on the small steep path. On the whole Melleck- Sonntagshorn- Heutal walk I only encountered 3 other people (all on the Sonntagshorn). Remarkable for a 17 km tour on such a sunny Sunday. Seems the caterpillars were on holiday themselves….
BTW: really lots of fallen trees this year (by snow and storm). Not only on the Austrian Rosskarsteig, but also on many Chiemgau mountains: Mother Nature decides if and how the game is played: always have respect for the mountain (and woods), even if you hiked a route a 1.000 times.

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