Birkenwald im Herbst Kendlmühlfilze ©my Chiemgau

Herbstglück

von Carola
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Dunkle Moorseen und ein Birkenwald im Goldrausch

Man sagt, dass Moore schaurig seien. Ich finde, sie sind es kein bisschen. Besonders im Herbst zeigt sich in der Kendlmühlfilze ein einzigartiges Farbspektakel, an dem ich mich nicht satt sehen kann.

 

Ich gehe an den unzähligen Birken vorbei, deren Blätter hell leuchten und mich wie ein wogendes goldenes Meer umgeben. Filigrane Gewächse der anmutigen Heidelandschaft mit ihren rötlichen Erdfarben bilden einen harmonischen Kontrast, genau wie der bedeckte Himmel mit den regenlosen Wolken. Irgendwie märchenhaft. Ein schönes buntes Treiben der Natur, während ich mich an ihrer verschwenderischen Fülle erfreue. Zeit zum Innehalten und Durchatmen.

 

„Der Herbst ist ein zweiter Frühling, wo jedes Blatt zur Blüte wird.“

(Albert Camus)

 

Die Luft ist frisch, viel klarer als im Sommer und ich kann in ihr Pilze riechen. Die „Schwammerl“ verströmen ihren kräftigen, würzigen Duft, der an Wald und Erde erinnert. Ich schliesse die Augen und nehme den Geruch noch intensiver wahr. Und siehe da, von Gras und Laub ein wenig verdeckt, steht er, in seiner ganzen Pracht. Der wunderschöne Fliegenpilz mit der markanten, herrlich rot leuchtenden Kappe und den weißen Punkten. Ein weiteres Farbwunder in dieser einzigartigen Landschaft. Für alle Nichtschwammerlkenner: Der Fliegenpilz ist giftig und nicht zum Essen da. Dafür aber zum Anschauen und sich darüber freuen.

Kendmühlfilze-Fliegenpilz ©my Chiemgau

Als Kind ging ich oft mit meinem Opa in die Schwammerl (heisst: Pilze suchen). In der Nähe des Ortes, an dem ich aufwuchs, lag ein wundervolles, urtümliches Moorgebiet.

 

Wie das Eintauchen in eine andere Welt

 

Schon allein der Weg dahin war abenteuerlich und ich freute mich immer darauf, in die Filze zu gehen. Das Moor hatte für mich etwas Mystisches. Oftmals hing noch der Nebel über dem Boden, stieg zwischen den Bäumen auf und drohte einen zu verschlucken. Es war wie das Eintauchen in eine andere Welt. Birken mit leuchtend weißen Stämmen, bizarre Kiefern, üppige Sträucher mit bunten Beeren und ein durchfeuchteter Boden, der nachgab, wenn man darauf trat. Ich hüpfte auf diesen Stellen auf und ab wie auf einem Trampolin. Wenn es dann recht nass war und ich mit meinen Gummistiefeln tief im Morast steckte, konnte ich schon an die eine oder andere schaurige Geschichte über im Moor versunkene Menschen glauben.

Kendlmühlfilze-Herbstwald-©my Chiemgau

Opa suchte nach Rotkappen und Birkenpilzen, und ich heimlich nach Moorleichen. Ich fand nie eine, und ich war mir auch nie so ganz sicher, ob ich diesen Umstand bedauern oder lieber froh darüber sein sollte. Dafür war der Opa meist umso erfolgreicher. Er hatte immer seinen großen Korb dabei, in der Hoffnung, ihn füllen zu können. Ich half ihm nur zu gerne dabei. Daheim angekommen, wunderte er sich anfangs noch, wie so manch ungeniessbarer Baumpilz oder gar Fliegenpilz in seinen Korb kam. Ach, wie schön bunt die waren. Die mussten einfach mit, weshalb ich sie ganz unten deponierte und mit dem anderen Allerlei zudeckte. Nach einigen dieser Überraschungen unterzog er meine Beute einer sehr genauen Kontrolle. Erst dann durfte sie in den Korb. Er ermahnte mich, nicht essbare Pilze im Wald zu belassen, sie nicht abzureissen oder zu zerstören, da sie für andere Organismen lebenswichtig seien. Ich habe bei jedem Beisammensein viel von ihm gelernt. Für uns beide war es stets ein Abenteuer und wir genossen die Zeit zu zweit.

 

Das Gebot der Stille

 

Auf unseren Streifzügen unterhielten wir uns nur flüsternd oder gar nicht. Ich musste immer leise sein, unabhängig davon ob wir Schwammerl suchten und etwaigen anderen Suchenden durch unsere Stimmen den Aufenthaltsort verraten konnten. Das Gebot der Stille galt für mich auf all unseren Spaziergängen und Wanderungen. „Im Wald schreit man nicht rum und schaut, wohin man tritt“, sagte mein Opa stets. Aus Respekt vor der Natur. Sonst sehe man keine Tiere, höre keine Vögel, kein Wasser und keinen Wind. Das beherzige ich bis heute. Das ist für mich eines der Gesetze der Achtsamkeit. Denn die Natur war lange vor uns da.

Kendlmühlfilze-Moorsee-Hochgern- ©my Chiemgau

Auf meinem weiteren Weg an durch die grandiose Herbstlandschaft mit ihrer wechselnden Wolkenkulisse passiere ich einen kleinen dunklen Moorsee, in dem sich ein Teil der Chiemgauer Alpen widerspiegelt. Der Hochgern ist selbst in seinem Spiegelbild gut zu erkennen.

 

Spaziergang auf dem Grund des einstigen Riesensees

 

Ich blicke hinüber zu dem schönen Gebirge, bis an dessen Rand einst die Schmelzwasser der Gletscher reichten. Ich versuche mir vorzustellen, dass ich eigentlich auf dem Grund dieses einstigen Riesensees entlang gehe und dass der Westerbuchberg und der Osterbuchberg, die das Achental flankieren, vor ewigen Zeiten Inseln im See waren. Ein Überbleibsel davon ist der Chiemsee. Im Laufe der Zeit entstand durch die allmähliche Versumpfung dieses Hochmoor und ich befinde mich auf den Resten einer Uferlandschaft. So wie damals die Vegetation in den See vorgedrungen ist, waren es später die Menschen, die dieses Gebiet vereinnahmten und kultivierten.

Kendmühlfilze-Wasser-Birken-©my Chiemgau

Glücklicherweise steht die Kendlmühlfilze seit 1992 unter Naturschutz und im Zuge dessen wurde viel renaturiert. Nur die rostigen Schienen der früheren Feldbahn, die auf einem Teil meines Wanderwegs verlaufen, erinnern noch an die Zeiten der Torfwirtschaft. Ich folge den alten Gleisen und halte Augen und Ohren offen. Dieses Hochmoor ist Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen wie des fleischfressenden Sonnentaus.

Kendlmühlfilze-Feldbahnschienen©my Chiemgau

Ich bin überrascht, welch faszinierende Urtümlichkeit manche Stellen haben. Ich geniesse das Farbspektakel und die Stille, die nur von ein paar Vogelgeräuschen unterbrochen wird. Es kommt ein leichter, kühler Wind auf. Die herbstliche Frische erinnert mich daran, dass diese Landschaft durch Gletscher geschaffen wurde. Vielleicht kommen sie ja irgendwann wieder, zu einer anderen Zeit. Die Natur hat sich seit jeher Zeit gelassen – zum Gedeihen, zum Werden, zum Sein. Das kann ich von ihr lernen und wenn ich das beherzige, wird mein Herbst bestimmt auch schön goldig.

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